VSG, ESG, PVG: Sicherheitsglas am Dachfenster
Auf einen Blick
Ein Dachfenster ist bauaufsichtlich eine Ueberkopfverglasung. DIN 18008-2 verlangt raumseitig VSG aus Float oder TVG — VELUX verbaut das seit 2017 serienmaessig in allen Paketen.
- Ueberkopf ab mehr als 10° Neigung aus der Vertikalen — jedes Dachfenster faellt darunter
- Raumseitig VSG (Float oder TVG) oder Drahtglas — VSG aus ESG ist ausgeschlossen
- Fuer die Aussenscheibe schreibt die Norm keine Glasart vor — ESG ist Herstellerpraxis
- Einbruchschutz laeuft bei VELUX ueber --70Q (RC 2), nicht ueber Polycarbonat
Bei Fassadenfenstern interessiert sich kaum jemand für den Glasaufbau. Bei Dachfenstern schon, und zwar aus einem sehr körperlichen Grund: Wenn dort eine Scheibe bricht, fällt sie nach unten — in den Raum, in dem Sie stehen.
Deshalb gelten für geneigte Verglasungen eigene Regeln. Die wichtigste steht in DIN 18008-2, und die ist keine Empfehlung, sondern über die Technischen Baubestimmungen der Länder verbindlich.
Jedes Dachfenster ist „überkopf“
Die Grenze wird ständig falsch zitiert, weil sie sich nicht auf die Dachneigung bezieht, sondern auf die Abweichung von der Senkrechten: Als Horizontal- beziehungsweise Ueberkopfverglasung gilt alles, was um mehr als 10 Grad aus der Vertikalen geneigt ist.
Rechnen Sie das einmal durch: Ein Dach mit 30 Grad Neigung ergibt ein Fenster, das 60 Grad von der Senkrechten abweicht. Ein 45-Grad-Dach ebenfalls 45 Grad. Es gibt praktisch kein Dachfenster, das nicht darunter fällt.
Maßgeblich sind DIN 18008-1 (Begriffe, Ausgabe 2020-05) und DIN 18008-2 „Linienförmig gelagerte Verglasungen“, Abschnitt 4.2, ebenfalls 2020-05. Beide sind in der Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen unter Abschnitt A 1.2.7 gelistet und über die Landes-Verwaltungsvorschriften baurechtlich verbindlich. Die MVV TB sagt dazu ausdrücklich, dass bei Glaskonstruktionen in Fenstern DIN 18008-1 und -2 zu beachten sind.
Eine zweite Bedingung kommt hinzu: Die Anforderung greift, wenn sich unter der Verglasung eine Verkehrsfläche befindet — also eine Fläche, die allgemein zum Begehen bestimmt ist. Der oft gelesene Begriff „Aufenthaltsbereich“ ist dabei kein Normbegriff, sondern Umgangssprache. Die Norm unterscheidet nicht zwischen Wohnzimmer und Flur.
Was raumseitig verlangt wird
Für die untere Scheibe einer Isolierverglasung sind laut DIN 18008-2 nur drei Glasarten zulässig:
- VSG aus Floatglas
- VSG aus teilvorgespanntem Glas (TVG)
- Drahtglas — nur bis 0,7 m Stützweite, Glaseinstand mindestens 15 mm
Bemerkenswert ist, was nicht in dieser Liste steht: VSG aus ESG ist ausgeschlossen. Der Grund liegt im Bruchbild — ESG zerfällt in kleine Krümel, und ein Verbund aus solchen Krümeln verliert seine Resttragfähigkeit, hängt also durch. VSG aus Float oder TVG bricht dagegen in große Scherben, die sich an der Folie gegenseitig abstützen.
Zur Folie: Die PVB-Zwischenschicht muss mindestens 0,76 mm dick sein; nur bei Stützweiten bis 0,8 m genügen 0,38 mm.
Der Normenausschuss Bauwesen hat die Frage, ob in Dachfenstern stets VSG oder Drahtglas verbaut sein muss, in seinen veröffentlichten Auslegungen mit einem schlichten „Ja“ beantwortet. Klarer wird es nicht.
Ausnahmen gibt es, sie stehen aber in der MVV TB und nicht in der Norm: verglaste Dachausstiege in Dachräumen mit bis zu 0,4 m² lichter Glasfläche sowie Kultur- und Produktionsgewächshäuser. Für ein normales Wohnraumfenster hilft Ihnen beides nicht weiter.
Die Außenscheibe: Praxis, nicht Norm
Hier räumen wir mit einer Aussage auf, die in vielen Ratgebern steht — auch in einer früheren Fassung dieses Artikels: „Außen ist ESG vorgeschrieben“ stimmt nicht.
DIN 18008-2 stellt an die obere Scheibe keine Glasart-Anforderung. Verlangt wird stattdessen ein Rechennachweis: Die untere Scheibe muss den Ausfall der oberen tragen können. Welche Glasart oben sitzt, ergibt sich aus dieser Bemessung. Wenn ESG gewählt wird, gelten Zusatzbedingungen aus Abschnitt 4.3 der Norm — eine Pflicht ist es dadurch nicht.
Dass bei Dachfenstern trotzdem praktisch immer ESG außen sitzt, ist eine Herstellerentscheidung mit gutem Grund: Hagel. VELUX formuliert das so, dass alle Dachfenster mit einer hagelfesten, gehärteten Außenscheibe ausgestattet sind.
Gleich mit korrigiert: Die verbreitete Angabe, ESG sei „etwa fünfmal bruchfester“ als Floatglas, ist eine Marketingzahl. Belastbar sind die Normwerte der charakteristischen Biegezugfestigkeit — 120 N/mm² bei ESG gegenüber 45 N/mm² bei Floatglas, also etwa der Faktor drei.
Was VELUX tatsächlich verbaut
Aus dem offiziellen VELUX-Datenblatt zum Schwingfenster GGU, Scheibenaufbau jeweils von innen nach außen:
| Code | Bezeichnung | Aufbau innen → außen | Uw | Rw |
|---|---|---|---|---|
| --70 | THERMO (2-fach) | 2×3 mm VSG – 16 mm Argon – 4 mm ESG | 1,3 | 35 dB |
| --70Q | Einbruchschutz (2-fach) | 2×3 mm VSG – 16 mm Argon – 4 mm ESG | 1,3 | 35 dB |
| --66 | ENERGIE PLUS (3-fach) | 2×3 mm VSG – 13 mm Argon – 3 mm TVG – 13 mm Argon – 4 mm ESG | 1,0 | 37 dB |
| --67 | ENERGIE WÄRMEDÄMMUNG | 2×3 mm VSG – 12 mm <strong>Krypton</strong> – 3 mm TVG – 12 mm Krypton – 4 mm ESG | <strong>0,83</strong> | 38 dB |
| --62 | ENERGIE SCHALLSCHUTZ | 2×3 mm VSG – 11 mm Krypton – 3 mm TVG – 11 mm Krypton – 8 mm ESG | 0,92 | 42 dB |
| --69 | ENERGIE HITZESCHUTZ | 2×3 mm VSG – 13 mm Argon – 3 mm TVG – 13 mm Argon – 4 mm ESG | 1,1 | 35 dB |
Drei Dinge lassen sich daran ablesen, die in vielen Übersichten falsch stehen — auch in unseren eigenen älteren Artikeln:
Erstens: VSG sitzt in jedem Paket. Alle Aufbauten beginnen raumseitig mit 2×3 mm VSG. VELUX schreibt dazu, dass alle über den offiziellen deutschen Vertrieb erhältlichen Dachfenster Verbundsicherheitsglas enthalten. Serienmäßig ist das laut Fachpresse seit März 2017 so — als Reaktion auf DIN 18008. Wer ein Fenster von 2010 im Dach hat, hat diese Ausstattung also nicht automatisch.
Zweitens: --66 und --67 sind nicht dasselbe. Die Glasarten sind identisch, aber --67 arbeitet mit Krypton statt Argon und kommt damit auf Uw 0,83 statt 1,0. Der Aufpreis kauft also Wärmedämmung, nicht Sicherheitsglas — eine frühere Fassung dieses Artikels behauptete das Gegenteil.
Drittens: die mittlere Scheibe ist TVG, teilvorgespanntes Glas, nicht Floatglas.
Ein Hinweis in eigener Sache: Die Die Uw- und Rw-Werte dieses Datenblatts sind für uns maßgeblich — VELUX ist der Hersteller. Danach gilt: --69 (Hitzeschutz) liegt bei Uw 1,1 und ist nicht förderfähig, --62 bei Uw 0,92 und --67 bei Uw 0,83. Weil der Uw von der Fenstergröße abhängt, lassen Sie sich den Uw-Wert des konkreten Pakets vor der Bestellung schriftlich geben — die BEG EM verlangt für Dachflächenfenster höchstens 1,0.
Einbruchschutz: PVG ist der falsche Weg
„PVG“ steht für Polycarbonat-Verbundglas. Ein solches Serienprodukt konnten wir bei VELUX nicht finden — der Begriff wird gern mit der PVB-Folie im VSG verwechselt. Eine frühere Fassung dieses Artikels ordnete PVG dem Glascode --60 zu; das war falsch — --60 ist im aktuellen VELUX-Programm gar kein Glascode.
Der tatsächliche VELUX-Weg zu erhöhtem Einbruchschutz ist die Verglasung --70Q. Dort wird die Scheibe zusätzlich mit dem Flügel verklebt; das Fenster erreicht damit die Widerstandsklasse RC 2 nach DIN EN 1627, die Verglasung die Klasse P4A nach DIN EN 356.
Zum Nachrüsten am vorhandenen Fenster gibt es Zubehör — unter anderem einen Sicherheits-Schließzylinder (ZOZ 012K1, passend für GGU, GGL, GTL, GZX sowie die Austauschfenster VU und VL, nicht für INTEGRA) und eine Verschlusshülse aus Stahl (ZOZ 159K). Das ersetzt keine RC-2-Konstruktion, erhöht aber den Aufwand für einen Gelegenheitstäter spürbar.
Ehrlich gesagt ist das Thema bei den meisten unserer Aufträge theoretisch: Ein Dachfenster im ersten Obergeschoss eines Satteldachs erreicht niemand ohne Leiter. Relevant wird es bei Fenstern über einem Anbau, einer Garage oder in einem Bungalow.
Nachrüsten geht nicht
Kann man in ein vorhandenes Dachfenster nachträglich anderes Glas einsetzen? Nein. Das Glaspaket ist im Flügel verklebt und kein Wechselteil wie eine Fassadenverglasung.
Bei gängigen VELUX-Baureihen lässt sich zwar die komplette Isolierglaseinheit als Ersatzscheibe tauschen — das ist aber der Reparaturfall bei defektem Randverbund, kein Weg zu einem anderen Aufbau. Mehr dazu in Kondenswasser zwischen den Scheiben.
Wer also ein Fenster aus der Zeit vor 2017 hat und sicher sein will, dass raumseitig VSG verbaut ist, kommt um einen Tausch nicht herum. Welchen Code Ihr Fenster trägt, lesen Sie am Typenschild ab; was ein Austausch kostet, sehen Sie unter Festpreis online berechnen. Die Unterschiede der Pakete insgesamt stehen in Verglasungsarten bei Dachfenstern.
Häufig gestellte Fragen
Ist Sicherheitsglas bei Dachfenstern Pflicht?
Raumseitig ja. Jedes Dachfenster weicht um mehr als 10 Grad von der Senkrechten ab und gilt damit als Ueberkopfverglasung. DIN 18008-2 lässt dort nur VSG aus Floatglas, VSG aus TVG oder Drahtglas zu. Der Normenausschuss Bauwesen hat das für Dachfenster ausdrücklich bestätigt.
Muss die äußere Scheibe aus ESG bestehen?
Nein. DIN 18008-2 stellt an die obere Scheibe keine Glasart-Anforderung, sondern verlangt einen Nachweis, dass die untere Scheibe den Ausfall der oberen trägt. Dass außen trotzdem fast immer ESG sitzt, ist Herstellerpraxis — vor allem wegen Hagel.
Warum ist VSG aus ESG nicht zulässig?
Weil ESG in kleine Krümel zerfällt. Ein Verbund aus solchen Krümeln verliert die Resttragfähigkeit und hängt durch. VSG aus Float oder TVG bricht in große Scherben, die sich an der Folie gegenseitig abstützen und im Rahmen bleiben.
Unterscheiden sich die VELUX-Codes --66 und --67?
Ja, aber nicht beim Sicherheitsglas. Laut VELUX-Datenblatt haben beide denselben Glasaufbau (VSG innen, TVG Mitte, ESG außen); --67 ist mit Krypton statt Argon gefüllt und erreicht dadurch Uw 0,83 statt 1,0.
Gibt es PVG bei VELUX?
Ein Polycarbonat-Verbundglas als Serienprodukt haben wir bei VELUX nicht gefunden; der Begriff wird oft mit der PVB-Folie im VSG verwechselt. Für erhöhten Einbruchschutz gibt es die Verglasung --70Q mit verklebter Scheibe, die RC 2 nach DIN EN 1627 und P4A nach DIN EN 356 erreicht.
Hat mein älteres VELUX-Fenster schon VSG?
Nicht zwingend. Laut Fachpresse verbaut VELUX erst seit März 2017 serienmäßig VSG raumseitig — als Reaktion auf DIN 18008. Bei älteren Fenstern hilft nur der Blick ins Datenblatt der jeweiligen Verglasung oder ein Tausch.